Malerei

 

 

Aurelia Gratzers Malerei ist anders. Das ist nicht schnell gemalt, hingeworfen, auch nicht mit großer Geste, orgiastischem Schwung auf die Leinwand geschleudert. Das ist präzise, mit Zeit, Plan, Ziel und Konzept auf den Punkt gebracht - oder besser: auf Linie und Fläche. Hier arbeitet eine Künstlerin, die nicht hudelt, mit schneller Hand agiert oder bewusst in Rätseln spricht. Hier wird gewissenhaft, zielgerichtet mit Pinsel und Farbe gearbeitet - vor allem an den Fragen der Wahrnehmung.

 

Hier wird kühl kalkuliert gemalt. Vielleicht zu kühl für manchen Betrachter. Doch genau das fasziniert an diesen Bildern. Wir sehen futuristische, architektonische Räume, menschenleer. Doch glatt ist diese Kunst keineswegs. Aurelia Gratzer bricht die Glätte auf, indem sie durch Farbauswahl und Flächengestaltung wieder Struktur und Duktus, Organisches, Persönliches, Menschliches zurückbringt. Die Brauntöne, die an Holzimitat, an Nussbaumfurnier erinnernde Flächenstruktur, das ornamenthafte Tapetenmuster, das fast gedruckt, nicht gemalt zu sein scheint- all das zieht uns in ein Spiel mit der Erinnerung. Und die Fragen fangen an.

 

Auf den ersten Blick schien noch alles ganz eindeutig zu sein: satte Farbe, klare Kante, zentralistische Perspektive. Doch bei genauerem Hinsehen merken wir: So eindeutig ist das alles nicht. Disparitäten, Unschärfen, Irritationen kommen immer stärker zum Vorschein, je länger wir ein Bild auf uns wirken lassen. Was sehen wir wirklich auf der Leinwand? Müssen wir die eigene Wahrnehmung hinterfragen? Sehe ich bestenfalls meine ganz eigene, individuelle Wirklichkeit? Womöglich ganz anders als die Realität meines Gegenübers?

 

Ausgangspunkt für Aurelia Gratzers Bilder sind meist Fotos aus Immobilienanzeigen, "schlechten Immobilienanzeigen", wie die Künstlerin mit sanfter Ironie betont. Es ist weder das perfekt inszenierte Bild aus dem Architekturmagazin, noch die selbst gemachte und dadurch bereits persönlich gefilterte Aufnahme, die sie als Vorlage reizen, es ist das sichtbar am Computer veränderte, zusammengesetzte Foto mit zwei oder mehr Fluchtpunkten. Von hier aus startet der Malprozess, nicht selten mit einer spontanen Titelgebung. Eine Skizze folgt, auf Papier oder direkt mit Pastellkreide auf der Leinwand, dann setzt sich der Prozess mit präziser Ausarbeitung der Fläche fort. Aurelia Gratzer vertieft sich in jedes einzelne Flächenelement, ist dabei ganz auf den Malprozess an sich fixiert. Den Pinsel mal frei, mal am Lineal führend, setzt sie bewusst Übergänge und Disparitäten, um uns am Ende mit mehr Fragen als Antworten zurückzulassen. Ein Bild, das auf den ersten Blick verspricht, ein Raum zu sein, ist am Ende doch keiner. Wir vermeinen, Hochhausschluchten, Fensterfronten, Tischkanten zu entdecken, das Holzfurnier unserer Eltern vielleicht, das Tapetenmuster der Großmutter gar – und, am Ende löst sich das vermeintliche Wissen wieder auf. Diese Bilder nisten sich ein, man will sie greifen, versucht es immer wieder, kann es am Ende aber doch nicht. Und diese Spannung bleibt bestehen, so oft man ein Bild auch betrachtet.

 

In früheren Arbeiten der Nuller Jahre ist noch die menschliche Figur zu finden, unverkennbar setzt sich Aurelia Gratzer dabei auf dem Weg zur Abstraktion mit dem Ornament auseinander. Auch die "Naschmarkt"-Bilder von 2004 bleiben stark figurativ. Als bereits die reine Farbfläche dominiert, wird dies immer wieder durch Motive wie Pflanzen und Möbel gebrochen ("2001 - Auf der Suche nach der Obrigkeit" 2008, "Österreichurlaub" 2009, "Schattenseite" 2010). In den vergangenen zwei bis drei Jahren ist eine Weiterentwicklung in Aurelia Gratzers Malerei spürbar, die das abstrakte Element noch stärker in den Vordergrund rückt, das Spiel mit Fläche, Kante, Muster und Farbe noch stärker auf die Spitze treibt - ohne dass die Spitze im Sinne des "perfekten Bilds" erkennbar ist.

 

Aurelia Gratzer stammt aus der Steiermark. Es mag verwundern, wie sich die durch den elterlichen Hof geprägte Natur- und Erdverbundenheit mit einem Mathematik- und dann Malereistudium zu dieser präzisen, ja akribischen Maltechnik und Formensprache in ihren Bildern verdichtet. Klar ist: Hier malt eine Künstlerin immer konsequenter, geradliniger, unbedingter. Diese Kunst hat Kraft. Die Kraft einer zierlichen Person, die weiter will, sich selbst im Atelier unerbittlich vorantreibt. Deutlich wird dies etwa am aktuellen Werk "Dubai", das die Künstlerin, obwohl in der ursprünglichen Form bereits ausgestellt, übermalt hat, weil sie es als nicht ausgereift, nicht gut genug empfand. Vielleicht ein Schlüsselbild der jüngsten Entwicklungsstufe, „spacig“ an futuristische Hochhausschluchten erinnernd, und doch in der Faszination von Gegensatzpaaren gefangen, die die Spannung in der Betrachtung aufrechterhalten: Emotionalität im Grundempfinden gegen Akribie des Malprozesses, fast mechanische Präzision in der Ausführung gegen eine farbige Schönheit, die aber nie zur Oberflächlichkeit wird.

 

Diese Malerei ist zeitgemäß, sie ist Future und History zugleich. Sie zeigt eine Künstlerin, die wie viele Maler ihrer Generation die klassische Frage - Figuration oder Abstraktion - überwunden hat, um selbstbewusst ihren eigenen Weg zwischen diesen Polen zu gehen. Futuristisch wirkende Bilder verbinden sich mit klaren Bezügen zur Kunstgeschichte. Aurelia Gratzer nutzt dabei zum einen zeichnerische Elemente, um ihre räumlichen Verwirrspiele auf der Leinwand zu entwerfen ("Papillon 1", 2012). Sie zieht uns zum anderen in perspektivische Abgründe, damit an die Grenze zur Dreidimensionalität. Der gemalte Raum wird beinahe zur Skulptur ("Papillon 2, 2012").

 

Aurelia Gratzer gehört zu einer Generation, deren Sehgewohnheiten von Fotografie, Film und Computerbild geprägt sind. Statt aber mit Videokamera oder Bildprogramm zu arbeiten, uns so in fiktive, digitale Welten zu führen, nutzt sie entschlossen Leinwand, Pinsel und Farbe, bleibt damit der menschlich-körperlichen Welt verbunden. Sie greift digitale Sehgewohnheiten auf und nutzt sie zur eigenen malerischen Versuchsanordnung: Das Vermögen, die Wirklichkeit abzubilden, wird malerisch zurückerobert.

 

 

Ralf Borchard, 2013